Von Gustave Le Bon bis Project 2025
Wer verstehen will, wie politische Meinungen im 21. Jahrhundert geformt werden, kommt an einem Namen kaum vorbei: der Heritage Foundation. Die konservative Denkfabrik gehört zu den einflussreichsten politischen Organisationen der Vereinigten Staaten. Ihre Ideen prägen nicht nur die Republikanische Partei, sondern zunehmend auch politische Debatten weit über die USA hinaus.
Doch die Geschichte der Heritage Foundation beginnt nicht erst mit Ronald Reagan oder Donald Trump. Ihre geistigen Wurzeln reichen zurück zu den Anfängen der modernen Massenpsychologie, zur Erforschung von Manipulation, Propaganda und öffentlicher Meinungsbildung.
Ein Essay von Volker Zorn | INGLOP | 14.06.2026
Die psychologischen Wurzeln
Bereits 1895 veröffentlichte der französische Sozialpsychologe Gustave Le Bon sein Werk „Psychologie der Massen“. Darin beschrieb er, wie Menschen in Gruppen anders denken und handeln als allein. Emotionen, Identifikation und einfache Botschaften gewinnen gegenüber rationalen Argumenten an Bedeutung.
Sigmund Freud griff diese Gedanken später auf. In „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ untersuchte er die psychologischen Mechanismen von Autorität, Identifikation und Führerfiguren.
Aus diesen Erkenntnissen entwickelte sich im 20. Jahrhundert ein neues Machtinstrument: die gezielte Beeinflussung öffentlicher Meinung.
Edward Bernays und die Geburt moderner Propaganda
Eine Schlüsselrolle spielte Edward Bernays, ein Neffe Sigmund Freuds.
Bernays erkannte früh, dass demokratische Gesellschaften nicht allein durch Gesetze gesteuert werden können. Wer die öffentliche Meinung beeinflusst, beeinflusst letztlich politische Entscheidungen.
In seinem Werk „Propaganda“ schrieb er 1928 sinngemäß, dass eine kleine Elite die Gewohnheiten und Meinungen der Massen lenke.
Bernays gilt deshalb als Begründer moderner Public Relations. Seine Methoden wurden später von Unternehmen, Regierungen, Parteien und Lobbyorganisationen übernommen.
Die Geburt der konservativen Denkfabriken
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in den USA ein Netzwerk konservativer Organisationen, das den politischen Einfluss progressiver Kräfte zurückdrängen wollte.
Während der McCarthy-Ära wurden zahlreiche soziale Reformideen als „kommunistisch“ diffamiert. Gleichzeitig begann der Aufbau einer konservativen Gegenbewegung.
Die Heritage Foundation, das Cato Institute, das American Enterprise Institute, die Hoover Institution und das Manhattan Institute gehören zu einem Netzwerk konservativer Denkfabriken, das seit den 1970er Jahren erheblichen Einfluss auf die politische Debatte in den USA ausübt. Ihre Publikationen und politischen Konzepte prägten unter anderem die Ära Reagan und wirken bis in aktuelle Programme wie Project 2025 hinein. Dabei verbinden viele dieser Institute wirtschaftsliberale Forderungen wie Deregulierung und Steuersenkungen mit konservativen gesellschaftspolitischen Positionen.
Obwohl sich die Institute in ihren Schwerpunkten unterscheiden, vertreten sie in vielen zentralen Fragen ähnliche wirtschafts- und gesellschaftspolitische Positionen. Über Forschungsberichte, Expertennetzwerke, Medienpräsenz und politische Beratung haben sie erheblich dazu beigetragen, marktwirtschaftliche und konservative Konzepte in Politik und Öffentlichkeit zu verbreiten.
Die Heritage Foundation
Die Heritage Foundation wurde 1973 gegründet.
Anders als viele universitäre Forschungsinstitute verfolgte die Heritage Foundation von Anfang an das Ziel, politische Entscheidungsträger direkt mit konkreten Handlungsempfehlungen zu beeinflussen.
Der große Durchbruch gelang mit Ronald Reagan.
1981 übergab die Stiftung dem neuen Präsidenten das Programm „Mandate for Leadership“. Viele Vorschläge fanden später Eingang in die Politik der Reagan-Regierung.
Damit entstand ein Modell, das bis heute fortwirkt: Denkfabriken entwickeln Programme, Politiker setzen sie um.
Das Netzwerk der Geldgeber
Heritage agiert nicht isoliert.
Zu den bedeutenden Förderern konservativer Denkfabriken in den USA zählen seit Jahrzehnten wohlhabende Einzelpersonen, Familienstiftungen und Unternehmen. In diesem Zusammenhang werden häufig die Koch-Brüder Charles und David Koch, Richard Mellon Scaife, die Bradley Foundation sowie die Mercer-Familie genannt. Ihre finanzielle Unterstützung trug zum Aufbau und zur langfristigen Arbeit konservativer Forschungs- und Politiknetzwerke bei. Diese Förderer unterstützten und unterstützen teilweise Forschungsprojekte, Medienplattformen, Bildungsinitiativen und politische Nachwuchsprogramme.
Kritiker verweisen darauf, dass Teile dieses Netzwerks über Jahrzehnte auch Organisationen und Kampagnen förderten, die wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel relativierten, Klimaschutzmaßnahmen bekämpften oder staatliche Regulierungen im Energie- und Umweltbereich ablehnten. Sie sprechen daher von einer „industriellen Infrastruktur der Meinungsbildung“, die erhebliche Ressourcen für die Verbreitung politischer Ideen und Narrative bereitstellt.
Donald Trump und Project 2025
Während Donald Trump oft als impulsiver Einzelgänger dargestellt wird, zeigt ein Blick hinter die Kulissen ein anderes Bild.
Zahlreiche politische Vorhaben der Trump-Regierungen wurden bereits zuvor in Publikationen konservativer Denkfabriken diskutiert oder vorgeschlagen.
Besonders sichtbar wurde dies durch das Projekt „Project 2025“.
Das von der Heritage Foundation koordinierte Programm umfasst zahlreiche Vorschläge für einen umfassenden Umbau der Bundesverwaltung und eine stärkere politische Kontrolle zentraler Behörden durch die Exekutive.
Kritiker sehen darin den Versuch, Macht stärker im Präsidentenamt zu konzentrieren, unabhängige Behörden politisch zu kontrollieren und konservative Gesellschaftsvorstellungen dauerhaft institutionell zu verankern.
Project 2025 zeigt beispielhaft, wie Think Tanks langfristig politische Entwicklungen vorbereiten können.
Internationale Verbindungen
Die Heritage Foundation unterhält Beziehungen zu zahlreichen konservativen und marktwirtschaftlich orientierten Organisationen in den USA und anderen Ländern. Dazu zählen unter anderem das Atlas Network, das Institute of Economic Affairs (IEA) in Großbritannien sowie zahlreiche marktwirtschaftlich orientierte Denkfabriken und politische Bildungsorganisationen in Europa und Lateinamerika.
Trotz unterschiedlicher nationaler Schwerpunkte vertreten viele dieser Organisationen ähnliche Positionen in wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen. Häufige Themen sind Deregulierung, Privatisierung, Steuersenkungen, die Begrenzung staatlicher Eingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft sowie die Kritik an identitätspolitischen und progressiven Gesellschaftskonzepten.
Kritiker sehen darin den Ausdruck einer international vernetzten Bewegung zur Förderung marktliberaler und konservativer Politikansätze. Befürworter betrachten diese Zusammenarbeit als legitimen Beitrag zum demokratischen Wettbewerb politischer Ideen.
Die ideologischen Einflüsse
Die Heritage Foundation und verwandte konservative Denkfabriken sind keine geschlossenen ideologischen Systeme. Vielmehr greifen sie auf unterschiedliche intellektuelle Strömungen zurück, die sich im Laufe der Jahrzehnte entwickelt haben.
Einen wichtigen Einfluss auf den amerikanischen Wirtschaftsliberalismus übte die Schriftstellerin Ayn Rand aus. Mit ihrer Philosophie des Objektivismus stellte sie das eigenverantwortliche Individuum in den Mittelpunkt und betrachtete staatliche Umverteilung mit großer Skepsis. Viele Vertreter marktliberaler und libertärer Bewegungen berufen sich bis heute auf ihre Schriften.
In jüngerer Zeit gewannen auch andere Denker an Bedeutung. Der Kulturphilosoph René Girard entwickelte die Theorie des mimetischen Begehrens, wonach Menschen ihre Wünsche häufig an anderen orientieren und daraus Rivalitäten und gesellschaftliche Konflikte entstehen können. Seine Arbeiten beeinflussten unter anderem den Unternehmer Peter Thiel, einen der bekanntesten Förderer konservativer und libertärer Projekte in den USA.
Peter Thiel bildet dabei eine Verbindung zwischen verschiedenen intellektuellen Strömungen der amerikanischen Rechten. Er berief sich wiederholt auf Girard, unterstützte unter anderem den politischen Aufstieg von J. D. Vance und zeigte Interesse an den staatskritischen Ideen Curtis Yarvins. Dadurch gelangten Gedanken, die lange vor allem in akademischen oder kleinen intellektuellen Zirkeln diskutiert wurden, stärker in die politische Öffentlichkeit.
Besonders umstritten ist der Softwareentwickler und politische Blogger Curtis Yarvin. Er kritisiert demokratische Institutionen als ineffizient und plädiert für stärker hierarchische Regierungsformen. Obwohl seine Positionen weit außerhalb des politischen Mainstreams liegen, werden sie in Teilen der sogenannten „Neuen Rechten“ diskutiert und finden über einzelne Unternehmer, Publizisten und politische Akteure Aufmerksamkeit.
Diese unterschiedlichen Denkansätze zeigen, dass die gegenwärtige konservative Bewegung in den USA nicht allein aus parteipolitischen Programmen besteht. Sie speist sich aus einem breiten ideologischen Reservoir, das von wirtschaftlichem Libertarismus über kulturkritische Gesellschaftsanalysen bis hin zu fundamentaler Kritik an demokratischen Institutionen reicht.
Die eigentliche Frage
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob konservative Think Tanks existieren. In einer Demokratie dürfen unterschiedliche politische Strömungen selbstverständlich um Einfluss ringen.
Die eigentliche Frage lautet vielmehr:
Wer finanziert diese Netzwerke?
Welche Interessen verfolgen sie?
Und in welchem Ausmaß beeinflussen sie öffentliche Debatten, Medienberichterstattung und politische Entscheidungen?
Wer diese Fragen stellt, gelangt unweigerlich zu einem grundlegenden Thema der modernen Demokratie: dem Verhältnis von wirtschaftlicher Macht, psychologischer Beeinflussung und politischer Kontrolle.
Fazit aus INGLOP-Perspektive
Von Gustave Le Bon über Sigmund Freud und Edward Bernays bis hin zu Heritage Foundation, Atlas Network, Peter Thiel und Project 2025 zieht sich ein gemeinsamer roter Faden durch die Geschichte der Moderne: die Frage, wie öffentliche Meinung entsteht, wie sie beeinflusst werden kann und wie aus Ideen politische Macht wird.
Die Geschichte konservativer Denkfabriken zeigt, dass politische Entwicklungen nicht allein in Parlamenten, Regierungen oder Wahlkämpfen entstehen. Ihnen gehen oft jahrelange intellektuelle Vorarbeiten voraus – in Forschungsinstituten, Stiftungen, Mediennetzwerken und politischen Bildungsorganisationen. Dort werden Narrative entwickelt, Begriffe geprägt, Problembeschreibungen formuliert und politische Strategien vorbereitet.
Das Wissen über die menschliche Psyche wurde dabei nicht nur genutzt, um Menschen besser zu verstehen, sondern auch, um Einstellungen, Wahrnehmungen und politische Entscheidungen gezielt zu beeinflussen. Von den frühen Erkenntnissen der Massenpsychologie über die Methoden moderner Public Relations bis hin zu den Kommunikationsstrategien des digitalen Zeitalters lässt sich eine kontinuierliche Professionalisierung der Meinungsbildung beobachten.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob konservative, liberale oder progressive Netzwerke existieren. In einer Demokratie ist die Organisation politischer Interessen legitim und unvermeidlich. Entscheidend ist vielmehr, wie transparent diese Netzwerke agieren, wer sie finanziert, welche Interessen sie vertreten und wie offen die gesellschaftliche Debatte darüber geführt wird.
Aus Sicht von INGLOP verweist diese Entwicklung auf eine noch grundlegendere Herausforderung. Die Menschheit verfügt heute über beispielloses Wissen über Natur, Technik und Psychologie. Gleichzeitig stehen wir vor globalen Krisen wie Klimawandel, Ressourcenverbrauch, sozialer Ungleichheit und geopolitischen Konflikten. Die Frage, wie öffentliche Meinung entsteht und politische Entscheidungen beeinflusst werden, wird damit selbst zu einer Schlüsselfrage der Zukunft.
Nicht weniger Bewusstsein, sondern mehr Bewusstsein. Nicht weniger Aufklärung, sondern mehr Aufklärung. Nicht weniger Demokratie, sondern eine informiertere und mündigere demokratische Öffentlichkeit. Darin sieht INGLOP eine zentrale Voraussetzung, um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts friedlich, verantwortungsvoll und im Interesse kommender Generationen zu bewältigen.
Vertiefung der Zusammenhänge
„Control. Alt. Delete“ – Teil 1: Ayn Rand

Die „Kulturzeit“-Reihe „Control. Alt. Delete“ widmet sich drei Vordenkern, deren Ideen den Einfluss der Tech-Branche auf die US-Politik und den fortschreitenden Abbau demokratischer Strukturen maßgeblich geprägt haben. Teil 1: die russischstämmige Autorin Ayn Rand.
„Control. Alt. Delete“ – Teil 2: René Girard

Teil 2: der Literaturwissenschaftler und Stanford-Professor René Girard.
„Control. Alt. Delete“ – Teil 3: Curtis Yarvin

Teil 3: der rechtslibertäre Blogger Curtis Yarvin.
Visualisierung der Zusammenhänge

Was manchmal abstrakt klingt, ist längst Realität.
Die folgenden Beispiele zeigen, wie Wahrnehmung geprägt und gesteuert wird:
Videos
• Edward Bernays und die Wissenschaft der Meinungsmache
→ Wie aus psychologischen Erkenntnissen ein Instrument zur gezielten Beeinflussung von Gesellschaft wurde.
• Spin Doctors – Die Marionettenspieler der Macht (Teil 1) + (Teil 2)
→ Wie politische Kommunikation geplant, gesteuert und medial inszeniert wird.
• „Führer und Verführer“ (Spielfilm von Joachim A. Lang)
→ Die zentrale Rolle von Propaganda im Nationalsozialismus – und ihre verheerende Wirkung.
• The Heritage Foundation
→ „Project 2025“ · Wie Trump die USA verändert | Analyse
→ Ganz aktuell: NANO Talk (09.04.26) – Neuer Faschismus: Freie Wahlen in die Unfreiheit
• Nordkoreas Geheimnisse – Blick in ein verschlossenes Land
→ Fluchtberichte und Analysen geben Einblick in ein System totaler Kontrolle – und zeigen, wohin extreme Formen der Beeinflussung führen können.