Gaube, politische Netzwerke und ihr Einfluss über Grenzen hinweg
Wie wurde aus einer religiösen Bewegung eine politische Kraft? Warum unterstützten viele weiße Evangelikale Donald Trump, und wie weit reichen die Netzwerke der religiösen Rechten über die USA hinaus? Die SRF-Sendung Evangelikale – Mit Gottes Hilfe an die Macht führt in diese Fragen ein. Olivia Röllin spricht darüber mit der Journalistin Annika Brockschmidt und der Religionswissenschaftlerin Dorothea Lüddeckens.
Zum Einstieg: Evangelikale – Mit Gottes Hilfe an die Macht
Was mit dem amerikanischen Erweckungsprediger Billy Graham begann, erreichte mit Donald Trump einen vorläufigen Höhepunkt: der Einfluss weisser Evangelikaler auf die US-Politik. Woher rührt ihr politischer Erfolg? Und: Welchen Einfluss haben die religiösen Rechten in Europa?
Rund 80 Prozent der weissen Evangelikalen haben 2016 und 2020 für Donald Trump als Präsidenten gestimmt. Im Gegenzug hat er sich in seiner Amtszeit für ihre Anliegen eingesetzt: Er hat drei konservative Richter und Richterinnen für den Obersten Gerichtshof nominiert. Dieser kippte dann 2022 das landesweite Recht auf Abtreibung. Trump anerkannte auch Jerusalem als Israels Hauptstadt und verlegte die US-Botschaft dorthin. Die Allianz zwischen Trump und christlichen Fundamentalisten zeigte sich erneut bei den Vorwahlen im Januar dieses Jahres, etwa in Iowa, wo der Wahlkampf auch als apokalyptische Schlacht zwischen Gut und Böse inszeniert wird. Trump als Erlöserfigur und die USA als gelobtes Land? Wie stark und wie gefährlich ist der Einfluss der religiösen Rechten auf die US-Politik? Und wie gestaltet sich dieser Einfluss in Europa? Olivia Röllin im Gespräch mit Annika Brockschmidt, Journalistin und Autorin von «Amerikas Gotteskrieger» und «Die Brandstifter», und mit Dorothea Lüddeckens, Religionswissenschaftlerin, Universität Zürich.
Die Wurzeln und der Weg zur Macht
Nach dieser Einordnung führt die dreiteilige ARTE-Reihe Evangelikale – Mit Gott an die Macht durch die Geschichte des politischen Evangelikalismus: von den US-amerikanischen Anfängen über Bündnisse mit Parteien bis zur Frage, was geschieht, wenn religiöse Forderungen staatliche Politik bestimmen.
Die zentrale Doku-Reihe:
Vom Kalten Krieg bis heute hat die Ausbreitung des Evangelikalismus die Entstehung eines christlichen Fundamentalismus begünstigt. Die Untersuchung enthüllt das Räderwerk einer gefürchteten politisch-religiösen Maschinerie.
- Evangelikale – Mit Gott an die Macht (1/3): Der große Kreuzzug
Der historische Aufstieg & Billy Graham: Die Reihe zeigt, wie die Bewegung im 20. Jahrhundert unter dem Einfluss von Schlüsselfiguren wie dem Prediger Billy Graham an Dynamik gewann und systematisch Medienstrukturen (TV, Radio, Internet) aufbaute, um Millionen Menschen zu erreichen. - Evangelikale – Mit Gott an die Macht (2/3): Evangelikale an der Macht
Die Politisierung des Glaubens: Ursprünglich auf moralische und spirituelle Fragen fokussiert, wandelte sich der Evangelikalismus ab den 1970er-Jahren zu einer straff organisierten politischen Lobby. Durch die gezielte Mobilisierung zu Themen wie dem Verbot von Abtreibungen, der Ablehnung von LGBTQ+-Rechten und der Betonung ultrakonservativer Familienbilder schufen sie ein mächtiges Wählerbündnis. - Evangelikale – Mit Gott an die Macht (3/3): Gott über allem?
Der Griff nach der Krone (Trump & Bolsonaro): Ein Schwerpunkt liegt auf den jüngeren Entwicklungen, in denen evangelikale Anführer Donald Trump in den USA und Jair Bolsonaro in Brasilien als „Werkzeuge Gottes“ deklarierten. Die Doku analysiert, wie diese Allianz zur Ernennung konservativer Richter am Supreme Court führte, wodurch Meilensteine wie das landesweite Recht auf Abtreibung gekippt wurden.
Wenn Glaube zur Regierungsstrategie wird
Religiöse Menschen dürfen sich politisch engagieren. Die entscheidende Frage beginnt dort, wo Organisationen beanspruchen, ihre Glaubensvorstellungen zum Maßstab staatlicher Entscheidungen für alle zu machen. In den USA lässt sich verfolgen, wie konservative christliche Gruppen Wahlkämpfe, Gesetzgebung und Personalentscheidungen beeinflussen.
Ein greifbares Beispiel ist Project 2025: Die Heritage Foundation verband politische Vorschläge mit der Suche und Schulung von Personal für eine künftige Regierung. Auf ihrer eigenen Liste der Projektpartner stehen unter anderem die Alliance Defending Freedom, die American Family Association und der Family Research Council. Das zeigt, wie religiös-konservative Anliegen Teil einer umfassenden politischen Strategie werden können.
🔍 Hintergrund: ► Die Heritage Foundation und die Architektur der Macht (Essay)
► Project 2025 – Die konservative Gegenbewegung und ihre internationalen Netzwerke (Essay)
Ergänzender Film: USA: Die unheimliche Macht der Evangelikalen · ATLAS/funk, 19 Minuten. Der Beitrag erklärt anschaulich, wie evangelikale Megakirchen und politische Netzwerke in den USA Einfluss gewinnen.
Popmusik, Lichtershows und ein Publikum von 40.000 Menschen. Was aussieht wie ein Konzert von Beyonce, ist eigentlich ein Gottesdienst. In den #USA boomen die Mega-Churches der Evangelikalen. Sie sind die größte Religionsgruppe im Land und einige warnen: Die radikalen Evangelikalen sind eine Gefahr für die amerikanische Demokratie. Die Evangelikalen haben nämlich wahnsinnig viel Macht. Sie haben ein riesiges Netzwerk, was bis ins Weiße Haus reicht, und lassen Gesetze nach ihren Vorstellungen umschreiben. Aber wie haben die Evangelikalen eigentlich so viel Einfluss bekommen? In der neuen Folge von #ATLAS geht es um die Macht und Weltanschauung der Evangelikalen und wie diese teilweise ins radikale driftet. Außerdem zeigen wir euch, wie ihr mächtiges politisches Netzwerk funktioniert – und wie gefährlich das alles sein kann.
Eine historische Frage: Nicäa und die Macht
Das Verhältnis von christlichem Glauben und staatlicher Macht reicht weit zurück. 325 n. Chr. berief Kaiser Konstantin das Konzil von Nicäa ein. Bischöfe verhandelten dort grundlegende Glaubensfragen unter Beteiligung eines Herrschers, für den die Einheit der Kirche auch politische Bedeutung hatte.
Nicäa war kein Ursprung heutiger evangelikaler Netzwerke. Der historische Vergleich liegt in einer Frage: Was verändert sich, wenn eine religiöse Lehre mit politischer Macht verbunden wird und für Menschen mit anderen Überzeugungen gelten soll? Die Antworten für das Römische Reich und für heutige Demokratien sind verschieden. Gerade deshalb lohnt es sich, den Übergang vom Glaubensbekenntnis zum staatlichen Machtanspruch genau zu betrachten.
Der Einfluss endet nicht an der US-Grenze
Die ARTE-Recherche Homophobie in Afrika: ein Einfluss aus Amerika? untersucht die Tätigkeit von Family Watch International in Uganda und Kenia.
Nach den Recherchen der Redaktion pflegte die US-Organisation Kontakte zu politischen Führungspersonen und bot Politikern vorgefertigte Gesetzestexte an. Hier wird die Frage nach internationalem Einfluss konkret: Wer bringt Vorschläge ein, wer übernimmt sie – und welche Folgen haben die Gesetze für queere Menschen vor Ort?
In Brasilien zeigt sich eine weitere Form politischer Macht. Die ARTE-Doku Brasilien: Die Macht der Evangelikalen (verfügbar ab 06.10.25) begleitet Prediger, Medienunternehmer und Abgeordnete. Sie zeigt zugleich evangelikale Pastoren, die sich gegen rechte Politik stellen. Evangelikal bezeichnet also keine einheitliche politische Haltung; untersucht werden müssen die jeweiligen Akteure und Bündnisse.
Die bisherige Spur führte von den USA in andere Länder. Doch sie endet nicht an Deutschlands Grenzen. Fromm und Radikal fragt, wie christlich-fundamentalistische Netzwerke hier Einfluss suchen – und was geschieht, wenn religiöser Gehorsam über das Grundgesetz gestellt wird.
Schlussakkord: Die religiöse Rechte in Deutschland
Die Spur führt schließlich nach Deutschland. Fromm und Radikal – Verfassungsfeinde im Namen Gottes verfolgt Netzwerke zwischen den USA und Deutschland. Die SWR-Recherche berichtet über Gruppen, die gegen demokratische Institutionen, Frauenrechte und queere Menschen auftreten. Bei einem Treffen der „Christen in der AfD“ fordert ein Pastor, Gottes Wort über das Grundgesetz zu stellen. Hier wird aus der internationalen Untersuchung eine unmittelbare Frage an unsere Demokratie
Redaktioneller Hinweis: „In zwei O-Tönen dieses Films werden rassistische, diskriminierende Begriffe verwendet, darunter das N-Wort und das Z-Wort. Wenn dich das belastet, schau dir lieber ein anderes Video an.“
Sie stellen die Bibel über das Grundgesetz: Christlich-fundamentalistische Gruppen kämpfen gegen demokratische Institutionen. Der Verfassungsschutz ordnet einzelne Freikirchen als verfassungsfeindlich ein. Reporterin Kyra Funk folgt den Netzwerken vom Südwesten Deutschlands bis in die USA. Die „SWR Story“ zeigt: Die religiöse Rechte wächst auch in Deutschland nach US-Vorbild.
Christlich-fundamentalistische Gruppen kämpfen gegen demokratische Institutionen, queere Menschen und Frauenrechte. Der Verfassungsschutz ordnet einzelne Freikirchen als verfassungsfeindlich ein, wegen „Delegitimierung des Staates“. Reporterin Kyra Funk trifft Anselm Urban in den USA: Er steuert aus Phoenix weiter seine Anhänger:innen in Pforzheim, obwohl er in Deutschland wegen Volksverhetzung verurteilt wurde. In Kalifornien berichten Aussteiger:innen von der Trump-nahen Megakirche Bethel Church, die auch in Europa expandiert. In Deutschland trifft die Autorin die AfD-Politikerin Beatrix von Storch. Sie gilt als Bindeglied zwischen religiösen Gruppen und der extremen Rechten. Beim zehnjährigen Treffen der „Christen in der AfD“ fordert ein Freikirchen-Pastor, Gottes Wort über das Grundgesetz zu stellen. Die religiöse Rechte wächst offenbar auch in Deutschland nach US-Vorbild.
🔍 Hintergrund: ► AfD ► Fromm und Radikal – Verfassungsfeinde im Namen Gottes ► Was wäre, wenn die AfD regiert? ► Inside AfD – Der Umgang mit Kritikern



